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Das Vermächtnis des Wahnfried

Der Züchter Gunther Schneider im Portrait

 

 


 

 

 

Er taucht immer wieder in den Pedigrees von Holsteiner Spitzenpferden auf: Der 1962 geborene Holsteiner Halbblüter Wahnfried, dessen Name noch heute mit anerkennendem Zungenschnalzen genannt wird.

Obwohl von eher mittleren Stockmass, stand er in gutem Rahmen und verfügte über eine ganze Reihe positiver Attribute. So waren es drei gleichermassen gute Grundgangarten, die ihn auszeichneten, beste Rittigkeitswerte und aussergewöhnliche Springveranlagung.

Bedeutende Ahnengalerie

Der 1951 geborene Vater Waldenser xx deckte ab 1960 als Holsteiner Verbandshengst mit beinahe jährlichem Wechsel auf verschiedenen Stationen, u.a. in Haselau, Siethwende, Meldorf, Marne, Griebel, Bredeneck und Oldenbüttel. Ab 1970 kam er in Schürsdorf zum Einsatz und wurde 25 Jahre alt. Es war ein ausgesprochen hübsches Pferd mit sehr schönem Gesicht und guter Halsung. Er hatte einen muskulösen Körper und war vor der Karriere als Deckhengst im Hindernissport hoch erfolgreich. Im Springen lag auch sein Vererbungsschwerpunkt, womit er in der Holsteiner Zucht auf fruchtbaren Boden traf. Die Nachkommen waren leistungsbereite, erfolgreiche Springpferde. Neben Wahnfried wurde in dem international erfolgreichen Vielseitigkeitspferd Chirac/Friedrich Otto jun. aus dem letzten Waldenser xx-Jahrgang 1976 noch ein zweiter Hengssohn gekört, der allerdings nur wenig benutz wurde und insofern keinen züchterischen Einfluss nahm. Manchmal waren die Waldenser xx-Nachkommen eher knapp-rahmig, was sie nicht daran hinderte, in grosser Treue Leistungen im Springsport zu bringen.
Dem Muttervater Heilbutt kam vor allem auf der Mutterseite tragenden Bedeutung für die Holsteiner Zucht zu. Ausser bei Wahnfried war er auch Muttervater so bedeutender Hengste wie Maximus, Ronald, Lido und Marlo. Sowohl Heilbutt als auch der in dritter Generation folgende Heino ware Nachfahren des legendären Heintze, der ein Synonym für Springleistung in Holstein ist. Der Holsteiner Stamm 7903, dem Wahnfried entstammt, ist ein noch verhältnissmässig junger und schmal blühender Stamm, aus dem in den letzten Jahren auch die Hengste Call him Crack (LH Ldg. Neustadt/Dosse) und Centus (PB Westf.) gekört wurden.


Pfalz-Schweiz-Holstein


Der Industriemanager Gunther Schneider (70) hat es sich zur züchterischen Lebensaufgabe gemacht, Das Blut dieses einzigartigen Leistungsträgers Wahnfried zu erhalten. Die Konstellation ist ebenso ungewöhnlich wie interessant: Schneider ist in Kusel (Westpfalz) geboren, wohnt in der Schweiz und betreibt in Holstein einen Pferdezuchthof.
 
Er unternahm mit seinem Vater Ernst zahlreiche Fahrten nach Schleswig-Holstein, um Reitpferde in den Südwesten Deutschlands zu holen. "Mein Vater hat in den 50er bis 70er Jahren die Reiter in Rheinland-Pfalz mit Holsteinern versorgt. Er hat einige hundert Pferde aus dem Norden geholt, un da waren auffallend viele gute Wahnfried-Nachkommen dabei. So kam es, dass mich dieses Blut stets besonders fasziniert hat", so Schneider.
Beruflich war er von 1972 bis 1976 in der Zentrale der Gabelstapler-Firma Jungheinrich in Eppenheim Tätig und ist seit dieser Zeit Mitglied im Reitverein Viernheim, dem er noch heute angehört. Über Jahrzehnte ware die Reiter der Region um Viernheim mit Holsteinern aus der Hand von Gunther und Ernst Schneider bestens beritten.
Seit 1978 lebt Schneider in Aarau in der Schweiz, wo er bis 1994 die Schweizer Konzernniederlassung der Firma Jungheinrich leitete und später nich für BAP-Hochdruckreiniger in leitender Position tätig war. Im heutigen "Unruhestand" widmet er sich Immobilengeschäften.
Auch in der Schweiz blieb die Liebe zu Holsteiner Pferden bestehen, und die Faszination für das Wahnfried-Blut wurde zur züchterischen Lebensaufgabe. Und Träume brauchen Raum: Den schuf Gunther Schneider sich 1980 mit dem Erwerb eines bäuerlichen Anwesens in Tholendorf bei Tating auf der Halbinsel Eiderstedt, einen Steinwurf vom Nordseeheilbad St. Peter-Ording entfernt. Dort wächst im gesunden Nordseeklima die Nachzucht der Schneider'schen Stuten auf. 30 Hektar voll arrondiertes Acker- und Weidelnad machen die Selbstversorgung möglich, und 20 sehr schöne Boxen schaffen ein traumhaftes Ambiente für die Pferde. 1980 hatte das Grundstück ein altes Bauernhaus und ein Stallgebäude, davon steht heute nur noch der Teil der Hausfassade, alles andere wurde grundrenoviert.


Abgekört in Holstein

Zurück zu Wahnfried: Dieser deckte als Privathengst von 1965 bis 1971 bei Reimer Witt in Wellinghusen. 1972 war er eine Saison an den Holsteiner Verband verpachtet und kam auf der Vorzeigestation Siethwnde in den Genuss hoher Stutenzahlen. 1973 kam er noch einmal in Wellinghusen zum Einsatz und deckte in diesen neuen Jahren insgesamt 450 Stuten. Ende 1973 wurde Wahnfried in Holstein abgekört, und Reimer Witt verkaufte den Hengst ins Königreich Dänemark, wo er ein weiteres Kapitel seines Lebens zu schreiben vermochte.
Als "Abgekörter" in Holstein war er durchaus kein Einzelfall, auch Calvados I, Kosak, Moltke I, Roman und andere prominente Vererber durchlitten dieses harte Schicksal, das sich seinerzeit in erster Linie gegen Privathengste richtete und vielfach willkürlich motiviert schien.


Internationale Cracks in Serie

Während Wahnfried in Dänemark weiter deckte, waren seine Nachkommen in ausgesprochen grosser Zahl in S-Springen erfolgreich, u.a. Wabbs/Willibert Mehlkopf, Waldes/John Anderson (CAN), Wendulin/Dirk Hafemeister, ferner die Vollschwestern Wacholder 21, Wega 34 und Wonne 17 (alle mit Werner Peters). Dressurpferde hat er nicht geliefert.
Wahnfried selbst wurde nicht im Sport eingesetzt. Diesbezügliche Verhandlungen mit Hans Günter Winkler um 1967 führten nicht zu einer Einigung. So blieb als Eigenleistungskriterium nur seine Hengstleistungsprüfung, die er mit überdurchschnittlichen Noten absolvierte. Das Trainingsprotokoll sagt: "Schritt, Trab, Galopp befriedigend, Konstitution hart und fest. Rittigkeit gut, Springanlage überdurchschnittlich. Gutes Temprament. Harter Hengst mit auffallender Springanlage." Im Trainingsprotokoll hatte er die höchste Springnote aller Hengste.
Durch den (gezwungenermassen) frühen Verkauf nach Dänemark war Wahnfried in Holstein nur über die Mutterseite züchterisch präsent, wird aber noch heute in zahlreichen Stämmen hoch geschätzt. Ende der 70er-Jahre sollte Wahnfried aufgrund der überragenden Qualität seiner Nachkommen aus Dänemark für die Holsteiner Zucht zurückgewonnen werden: Das Geschäft war klar, aber kurz vor der Abreise zur erneuten Körung bzw. Wiederanerkennung in die Holsteinische Heimat ging der Hengst Ende Januar 1979 überraschend an Herzversagen ein.


Leistungsstarker Waterkant

Nachdem Wahnfried Holstein verlassen hatte, fuhr Schneider nach Dänemark und holte auch von dort Nachkommen des begehrten Hengstes in den Südwesten Deutschlands, darunter auch Waldus und Waterkant, später die einzigen gekörten Söhne des Wahnfried.


Deckte im pfälzischen Rammelsbach: Waldus von Wahnfried

Weder in der Holsteiner Zucht noch in der dänischen Warmblutzucht konnte Wahnfried gekörte Söhne stellen, und es schien seinerzeit aussichtslos, die beiden Wahnfried-Söhne in der Holsteiner Zucht etablieren zu wollen. Schneider bediente sich daher zunächst des Zuchtverbandes für deutsche Pferde, um Abstammungsnachweise für seine Zuchtprodukte zu bekommen, und später auch seines Heimatzuchtverbandes Rheinland-Pfalz/Saar, wo die fast ausschliesslich rein holsteinisch gezogenen Produkte beider Hengste somit eine Heimat erhielten.
Waterkant lieferte aus Deckeinsätzen in Deutschland und Ungarn 42 erfolgreiche Sportpferde, von denen vier S-Erfolge erzielten. Sein erfolgreichstes Produkt war der ZfdP-Wallach Shipol (M. v. Fra Diavolo-Faktor; Stamm 6695; Z.: Gunther Schneider, Tating) unter Bernd Herbert, weitere erfolgreiche Pferde waren die 1994 geborenen braunen Zweibrücker Stuten Wiwian Lamont (M. v. Landmeister-Sawara xx-Colonel; Stamm 2067; Z.: Toni Müller, Schönenberg/Rhpfs.) mit Stefan Hauter und Waykiki 3 (M. v. Calvin-Labrador-Rossini/T.-Colorado; Z.: Hans Kuhn, Rockershausen) mit Janina Kuhn. In dem braunen Weizmann stellte er auch einen gekörten Sohn, der jedoch unfruchtbar war.



Gekört, jedoch unfruchtbar: Weizmann



Waterkant hat 17jährig in Ungarn unter Emil Herczog noch S-Springen gewonnen.


Gekörter Sohn des Wahnfried: Waterkant



Hoffnung Durch Waldes

Der 1980 geborene Waldes was das letztgeborene Zuchtprodukt des Wahnfried, im November 1979 geboren und damit zum Jahrgang 1980 zählend. Durch Mängel in der Aufzucht war er nie ganz gesund und immer nur begrenzt einsetzbar, dennoch konnte Gunther Schneider ihn erst nach zähem Ringen von seinem Züchter loseisen. "Ich wusste, dass er nicht ganz gesund ist, aber ich wollte dieses Pferd unbedingt haben!", erinnert sich Schneider heute.
Waldus kam bei Gunther Schneiders älterem Bruder Siegfried Schneider im pfälzischen Rammelsbach zum Deckeinsatz und brachte zwölf erfolgreiche Turnierpferde in Deutschland, darunter den gekörten Sohn Waldes (M. v. Aloubé Z; Stamm 18 b 1), der mit Hans-Dieter Dreher die von Hengsten geforderte Eigenleistung über Erfolge in S-Springen erbrachte. Waldes steht heute bei Familie Herczog im ungarischen Gant, wo zuvor auch Waterkant gewirkt hatte.


Erfolge bis zur schweren Klasse: Waldes, heute in Ungarn zu Hause


Züchterisch wird die überwiegend rein holsteinisch gezogene Nachzucht auf Initiative von Gunther Schneider überwiegend mit dem Zweibrücker Brand versehen. Das hat mehrere Gründe: Einerseits geniesst ein deutsches Pferd ein höheres Ansehen als ein Ungar, und zum anderen wird es dadurch nicht an allen möglichen (und vor allem unmöglichen!) Körperstellen mit Heissbränden zugepflastert. Bleibt offen, dass es Waldes gelingt, noch einen männlichen Nachfolger zu stellen, um der Linie weiteren Fortbestand zu sichern.
Gunther Schneider sagt: "Der Glaube und die Philosophie, an einer Linie festzuhalten, das ist Pferdezucht. Ich muss nicht den 500. Casall im Stall haben." Seine Philosophie und die Geschichte des Hofes lassen sich übricgens auch auf der Internetseite bestens nachverfolgen.

Claus Schridde
 
 

 

 

Die Schneider'schen Erfolgspferde

Wahnfried
Braun, geb. Holstein 1962, v. Waldenser xx u. Seglerin v. Heilbutt u. Coesfeld v. Heino u. Opsala v. Odo u. Ahne 211131902 v. Keppler (Stamm 7903)
Züchter: Werner Magens, Brunsholt
Stockmass: 167 cm
Eigenleistung: HLP Westercelle 1965 (Springsieger)
Deckeinsatz: 1965-1971 Wellinghusen, 1972 Siethwende, 1973 Wellinghusen, 1974 - 1978 Ribe/DK, Januar 1979 eingegangen

Waterkant
Braun, geb. Dänemark 1979, v. Wahnfried u. Marenta v. Mangon und Mulla II v. Albaner u. Mulla v. Gastronom u. Alhambra v. Oktet u. Redakta v. Niessbraucher u. Ibeka v. Minister (Stamm 5625)
Züchter: A. Reimer Sörensen, Bramming/DK
Stockmass: 169 cm
Eigenleistung: Erfolge in SPR S, E-LGS: 1084 (nur in D)
Deckeinsatz: 1983-1996 Rammelsbach/Rhpfs., 1997-2001 Gant/HUN, 2001 eingegangen

Weizmann
Braun, Zuchtverband für deutsche Pferde, geb. 1992, v. Waterkant u. Terrasse v. Lepanto u. Narde v. Fra Diavolo u. Beere v. Faktor u. Maibirke v. Ninus u. Vorregisterstute v. Oberst u. Vorregisterstute v. Ornat (Stamm 6695)
Stockmass: 170 cm
Eigenleistung: Erfolge in SPR M, E-LGS: 822 Euro
Deckeinsatz: unfruchtbar; Reithengst

Waldus
Braun, geb. Dänemark 1980, v. Wahnfried u. Mermaid v. Marishka xx u. Vejy v. Grant II u. Fürstenburg v. Meisterläufer II u. Zimolie v. Ortolan un Gibraltar v. Odem u. Cuba v. Firn u. Ursel v. Marwitz u. Orba v. Goeben u. Sirene v. Jülf u. Immortelle v. Anselm u. Dürten v. Abt u. Lotte v. Brillant u. Ol Töt v. Colonel u. Luise v. Doses Hengst (Stamm 238)
Züchter: Egon Zornig, Ribe/DK
Stockmass: 169 cm
Eigenleistung: HLP Adelheidsdorf 1986; 80,75/44./51. Erfolge in SPR S. E-LGS: 942 Euro
Deckeinsatz: 1987-1995 Rammelsbach/Rhpfs., 1996 an Thrombose eingegangen

Waldes
Braun, geb. 1996, v. Waldus u. Alberta v. Aloubé Z u. Ella v. Colt u. Dorette v. Monarch u. Schelle v. Meisterläufer II u. Narbonne v. Firelfanz u. Jura v. Nenndorf u. Selma v. Favorit u. Lust v. Siegmund u. Wachtel v. Cicero u. Herta v. Y.Ethelbert u. Ella v. Hannibal u. Liesch v. Owstwick (Stamm 18 b 1)
Züchter: Siegfried Schneider, Rammelsbach/Rhpfs.
Stockmass: 170 cm
Eigenleistung: Erfolge in SPR S. E-LGS: 15.533 Euro
Deckeinsatz: 2003 Lürschau, 2004-2005 Sport, ab 2006 Gant/HUN


 

 

 
 
 
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